Aufruf die Charts zu manipulieren (Update)

Wir manipulieren die SinglechartsInzwischen hat wahrscheinlich schon fast jeder auf Facebook von der Gruppe “Wir manipulieren die deutschen Singlecharts” gehört oder ist dieser beigetreten. Nachdem in England schon bewiesen wurde, dass sich über Facebook genügend Menschen mobilisieren lassen, um einen Song in die Charts zu pushen und das auch in Irland versucht wird, war es nur eine Frage der Zeit, bis es ähnliche Versuchen auch in Deutschland geben würde. Diesen Versuch stellt nun die genannte Gruppe dar, es lohnt sich aber ein wenig genauer hinzuschauen.

Auf den ersten Blick klingt es ja ganz gut: es sollen 20.000 User für die Gruppe gefunden werden, die einmal im Monat einen festgelegten Song kaufen und damit in die Singlecharts heben. Der ausgewählte Song soll jeweils von einem Künstler oder einer Band ohne Major-Deal sein. Außerdem soll sich der Künstler schriftlich verpflichten “all die durch die Chartplatzierung unmittelbar erzielten Einnahmen zu spenden“. Wofür gespendet werden soll steht auch schon fest, für “Schulbau in Liberia“. Dahinter steht jedoch kein Verein oder eine bekannte Organisation, sondern laut Impressum die “Huch Medien GmbH”, vertreten durch ihren Geschäftsführer Tobias Huch. Laut einem Gruppen-Administratoren “nur eine Übergangslösung ist, bis wir eine andere Alternative finden, die gesetzlichen Anforderungen zu erfüllen”.

Ein Tobias Huch ist wohl nicht ganz zufällig auch der Gründer der Facebook-Gruppe. Wenn man sich nun im Netz ein wenig umschaut, dann wird man auch einiges über Tobias Huch, den Geschäftsführer der Huch Medien GmbH, zu lesen bekommen. Immerhin ist er relevant genug für einen Wikipedia-Eintrag. Relevant, aber nicht unumstritten, wie man oben auf der Seite lesen kann:

Die Neutralität dieses Artikels oder Abschnitts ist umstritten. Eine Begründung steht auf der Diskussionsseite im Abschnitt „Neutralitätsprobleme“. Weitere Informationen erhältst du hier.

Interessant im Zusammenhang mit dem Aufruf zur Chartmanipulation ist dabei vor allem ein Satz (Hervorhebung durch uns):

Er ist Geschäftsführer der Huch Medien GmbH mit Sitz in Mainz und hält Beteiligungen an mehreren anderen Unternehmungen im Bereich der Musikbranche, Zahlungssystemen und Sicherheitstechnik.

Google hilft einem auch, zumindest eine (die einzige?) der Beteiligungen in der Musikbranche zu finden: Hassan Annouri.

Es bleibt also durchaus ein wenig was zu klären bei der ganzen Aktion, ein Blick in das Forum zeigt auch entsprechende Nachfragen gerade zum Thema der Spenden. Wir werden die Gruppe weiterhin interessiert und gespannt verfolgen. Bei Intro hat man sich der Sache ebenfalls angenommen und auch bei Media Control nachgefragt, die die offiziellen Verkaufscharts für Deutschland erstellen:

Media Control, das Unternehmen, das die Charts erstellt und vermarktet, ist über den Vorgang informiert und hat im Gespräch mit Intro angekündigt, “entsprechend zu reagieren”.

Doch auch unabhängig von diesem konkreten Fall sollte man bei ähnlichen Aufrufen nicht sofort und ohne sich zu informieren aufspringen. Auch wenn die grundsätzliche Idee, das übliche Chartsmuster zu durchbrechen durchaus ihren Reiz hat, sollte man sich doch bei einzelnen Aufrufen immer wieder fragen, was genau die Motivation der Initiatoren ist und auch wer die Initiatoren sind. Wer garantiert, dass der nächste Aufruf nicht von einem Label oder einem von einem Label beauftragten User gestartet wird, einfach um eine eigene Veröffentlichung in die Singlecharts zu bekommen? Immerhin werden die Singlecharts normalerweise auch im Radio rauf und runter gespielt und bringen auf diesem Weg Aufmerksamkeit und auch wieder Geld ein.

Update: Tobias Huch meint es scheinbar ernst mit dem im Forum angekündigten Rückruf und der Beantwortung von offenen Fragen. Zumindest erhielten wir einen Rückruf und auch eine Antwort auf die offensichtliche Frage nach dem Impressum auf Schulbau in Liberia. Die Seite war eigentlich für eine ganz andere Aktion geplant und dient für diesen Aufruf jetzt als Notlösung. Die Einnahmen aus den Songverkäufen der Bands und Labels sollen auch nicht an die GmbH gehen. Die GmbH ist zwar inhaltlich verantwortlich für die Webseite, das Geld für Liberia werde aber auf ein Treuhandkonto gehen, dessen Einrichtung durch einen Rechtsanwalt bereits beauftragt wurde – alles soll auch vollkommen transparent ablaufen. Durch diese zugesicherte Transparenz soll auch sicher gestellt werden, dass sich niemand im Zuge dieser Aktion selbst bereichern kann.

Es bleibt der Eindruck, dass die Kommunikation über und in der Facebook-Gruppe unglücklich gestartet wurde und es hier definitiv Verbesserungsbedarf gibt. Auf jeden Fall sollte man das Projekt weiter beobachten und dem Initiator die Chance geben zu zeigen, dass es ernst gemeint ist, offene Fragen zu beantworten und die angekündigte Transparenz umzusetzen.

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